#Deutsche Kohle


Der Braunkohletagebau im Rheinland

Ein Ortsbesuch

Die Energiewende ist in Deutschland ohne den Ausstieg aus der Braunkohle nicht zu schaffen, soviel ist klar.

 

Um mir mal ein Bild vor Ort zu machen und die Auswirkungen der Braunkohleverstromung auf Mensch und Umwelt näher anzusehen, machte ich mich an einem Sonntag im September 2017 auf den Weg zum so genannten Rheinischen Braunkohlerevier im Städtedreieck zwischen Köln, Aachen und Mönchengladbach. Dort gibt es drei große Tagebaue, allesamt betrieben vom Energiekonzern RWE, nämlich Garzweiler, Hambach und Inden. Hier werden mit riesigen Schaufelradbaggern jährlich etwa 100 Millionen Tonnen Braunkohle abgebaut und größtenteils direkt in vier umliegenden Großkraftwerken verstromt, also sprich verbrannt. Bei den Großkraftwerken handelt es sich um die Anlagen Weisweiler, Frimmersdorf, Neurath und Niederaußem. Die drei letztgenannten liegen alle in Sichtweite voneinander in der Nähe des Tagebaus Garzweiler, Weisweiler etwas abseits davon am Tagbau Inden. Neurath und Niederaußem sind die beiden größten Kraftwerke in Deutschland und nach dem Kraftwerk Belchatow in Polen auch die größten Europas. Die vier RWE-Kraftwerke haben eine Gesamt-Bruttoleistung von über 10.000 Megawatt und produzieren alleine etwa eine Achtel des deutschen Stroms.

 

Das erste, was man sieht, wenn man sich über die Autobahn dem Rheinischen Braukohlerevier nähert, und zwar bereits zig Kilometer vorher, sind die riesigen Wolkenberge, die sich über den Kühltürmen der vier Kraftwerke auftürmen. Sie bestehen überwiegend aus Wasserdampf und sorgen dafür, dass in der Gegend niemals ein nahtloser blauer Himmel zu sehen ist. Je nach Windverhältnissen verschatten die Wolken meist die umliegenden Städte und Gemeinden und auch die Metropolen Köln und Düsseldorf. Das Kohlendioxid, das die Kraftwerke ebenfalls ausstoßen, sieht man zwar nicht, doch alleine die massive Wolkenbildung verändert bereits das regionale Mikroklima.

 

Der Tagebau: Garzweiler

Ich mache mich zunächst auf den Weg zum Braunkohletagebau Garzweiler. In der Nähe des Autobahnkreuzes Jackerath gibt es einen schicken Aussichtspunkt, "Skywalk" genannt, finanziert von RWE. Der Skywalk besteht aus einem Pylon und einer (halben) Hängebrücke, die quasi im Nichts endet. Im "Nichts" heißt, sie ragt über die Abbruchkante des riesigen Kraters, der sich vor mir ausbreitet - ein wahrlich bizarres Panorama. Mein Blick schweift weit über die Grube bis zum gegenüberliegenden Rand in mehr als fünf Kilometern Entfernung. Der Grubenrand führt in mehreren Stufen, genannt "Sohlen" nach unten; die tiefste Sohle liegt etwa 200 m unter dem Ursprungsgelände. Unten sieht man, winzig klein, vereinzelt Spielzeugfahrzeuge umherfahren. Man sieht auch zwei der riesigen Baggerungetüme, die die Kohle abbauen - von hier oben sehen sie freilich aus wie Modelle. Oben am gegenüberliegenden Hang stehen weitere, ähnliche Ungetüme. Durch die Länge der Grube ziehen sich von links nach rechts kilometerlange Förderbänder, die am rechten Rand zusammenlaufen und von dort über eine schiefe Ebene aus der Grube hinausführen. Wohin, sieht man, wenn man den Blick über den Grubenrand zum Horizont erhebt: Dort stehen nebeneinander - durch die von ihnen ausgeschiedenen riesigen Wolkenberge sind sie nicht zu übersehen - die Kraftwerke Frimmersdorf, Neurath und Niederaußem. Am Aussichtspunkt hat RWE ein paar Schautafeln aufgestellt. Hier ist viel von "sicherer Energieversorgung", von "Sozialverträglichkeit" und von "Renaturierung" die Rede.

 

Ich habe genug gesehen, mache noch ein paar Fotos und fahre weiter. Es soll noch einen weiteren Aussichtspunkt am nördlichen Ende der Grube geben. Vielleicht ergibt sich von dort noch ein anderes Bild. Nach ein paar Kilometern auf der A 61 nehme ich die Ausfahrt Mönchengladbach-Wanlo und folge dem Wegweiser mit der Aufschrift "Aussichtspunkt". Die schmale asphaltierte Straße führt nur wenige Meter an der Abbruchkante entlang, rechts ist die Grube. Ich halte an und will etwas näher an die Kante gehen, als mir auffällt, dass entlang der gesamten Strecke in jeweils einigen Metern Abstand voneinander Maste stehen, jeder von ihnen etwa acht Meter hoch. Sie versprühen feine Wassertröpfchen. Offenbar soll hier der Staubentwicklung entgegengewirkt werden. Da ich nicht nass werden will, steige ich wieder ins Auto. Ein paar hundert Meter weiter taucht rechts der offizielle Aussichtspunkt auf. Auch hier wieder Schautafeln sowie eine der riesigen Baggerschaufeln, mit denen die Braunkohle abgegraben wird. Sie ist größer als ein Pkw. Der Blick von hier ist ähnlich wie vom Skywalk aus, nur blickt man nun in die Längsrichtung der Grube, parallel zu den Förderbändern, die von hier fort nach Süden verlaufen. An dieser Stelle ist man den Baggerungetümen etwas näher, sodass sich die Einzelheiten deutlicher erkennen lassen. Unten auf der Grubensohle erspähe ich auch zwei Busse, anscheinend so etwas wie eine Besichtigungstour. Ich mache noch ein schönes Bild mit Grube und Kraftwerken im Hintergrund und mich wieder auf den Weg. Nächste Station soll das Kraftwerk Niederaußem sein. Dort gibt es laut RWE-Homepage ein Besucherzentrum.

 

Die Kraftwerke

Nach einer kleinen Irrfahrt - es gibt immer wieder Straßen, die eigentlich da sein sollten, aber nicht mehr da sind, wo sie mal waren - stehe ich plötzlich auf einer Landstraße zwischen Getreidefeldern. Auf der einen Seite erhebt sich in einiger Entfernung das gewaltige Kraftwerk Neurath, auf der anderen Seite das nicht viel kleinere Kraftwerk Niederaußem. Beide pusten aus ihren Kühltürmen kilometerhohe Cumulus-Wolken aus, die die Felder verdunkeln. Das Kraftwerk Neurath, das größte Kraftwerk Deutschlands, besitzt sieben Kraftwerkblöcke. Die beiden mordernsten von ihnen - die Blöcke G und F - stehen etwas abseits von den übrigen älteren und wurden im Jahr 2012 in Betrieb genommen. Sowohl die beiden Kühltürme als auch die beiden Kesselhäuser sind jeweils über 170 m hoch und damit höher als der Kölner Dom. Damit würden sie auch in der Skyline von Frankfurt am Main ein stattliches Bild abgeben. Mit jeweils 1.100 Megawatt Leistung handelt es sich bei ihnen um die beiden leistungsstärksten Braunkohlekraftwerke der Welt. Die Baukosten betrugen ganze 2,6 Milliarden Euro.

 

Ich wende den Blick in die andere Richtung. Dort steht das Kraftwerk Niederaußem, mein nächstes Ziel. Es besitzt ebenfalls sieben Kraftwerkblöcke. Der 200 m hohe Kühlturm des jüngsten Blockes K ist der zweithöchste der Welt - nur in Indien gibt es noch einen, der zwei Meter höher ist. Mal schauen, wie das aus der Nähe wirkt.

 

Ich muss das Kraftwerk einmal umrunden und kann es so von allen Seiten begutachten - ein hässliches, rauchendes Ungetüm, aber irgendwie strahlt es auch eine gewisse Faszination aus, ähnlich wie es Industriedenkmäler aus dem 19. Jahrhundert auch tun.

 

Das Besucherzentrum von Niederaußem ist eher unscheinbar - ein kleiner Pavillon, erdrückt von der riesigen Wand des Kraftwerks, die direkt dahinter aufragt. Der Parkplatz, der offenbar frisch asphaltiert ist, ist leer. Ich scheine der einzige Besucher zu sein. Ich fürchte schon, dass es geschlossen ist, doch die Tür lässt sich öffnen. Drinnen begrüßt mich eine freundliche blonde Dame mit niederländischem Akzent, die aus ihrem Büro heraustritt. Sie begleitet mich in den großen, hell gehaltenen und modern eingerichteten Ausstellungsraum. In seiner Mitte steht ein großes Modell des Kraftwerks, rundherum angeordnet mehrere große Touchscreen-Tafeln, die mir erläutert werden. In kleinen Einspielfilmchen und Grafiken werden die verschiedenen Aspekte des Kraftwerks erläutert: seine Geschichte, die Planungen für einen hochmodernen neuen Kraftwerksblock, das Thema Nachhaltigkeit und Renaturierung, eine Pilotanlage zur CO2-Abscheidung, eine Algenversuchsanlage, Forschungsprojekte zur industriellen Nutzung von Kohlendioxid und anderes mehr. Die Dame freut sich offenbar, dass sie überhaupt etwas zu tun hat und verwickelt mich in ein längeres Gespräch. Sie erzählt mir unter anderem, dass heute Besucherfahrten in den Tagebau Garzweiler angeboten werden. Treffpunkt ist auf einem großen Parkplatz im Ort Kaster, einige Kilometer von hier. Es sei leicht zu finden, der RWE-Container nicht zu übersehen. Ich könne mich aber auch hier noch gerne umschauen, was ich dann auch - wenn auch nicht allzu lange - tue. Nachdem ich mir noch ein paar Prospekte geschnappt habe, beschließe ich nach einem Blick auf die Uhr, die Gunst der Stunde zu nutzen und mir das mit den Besucherfahrten doch einmal näher anzuschauen.

 

In der Grube

In Kaster finde ich den Parkplatz schnell. Er liegt unweit des historischen Ortskerns. Hier ist ziemlich viel los, Menschen stehen herum, viele Busse, ein Kiosk mit Außentischen, ein paar Zelte sind aufgebaut, es werden Würstchen gebraten, Kaffee ausgeschenkt und Kuchen verkauft. Allerdings von einem örtlichen Verein. Von RWE hingegen zunächst keine Spur. Bin ich hier vielleicht doch eher auf einem Dorffest gelandet? Ich schaue mich genauer um. Plötzlich bemerke ich einen alten Toiletten-Wagen, auf dem auf der Seite ein großes RWE-Schild prangt. Der einzige, aber unverkennbare Hinweis, dass ich doch richtig zu sein scheine. Ich gehe zu einem Biertisch, der so aussieht, als gäbe es hier etwas zu kaufen oder zu erfahren. Um ihn herum stehen mehrere Leute. Ich erkundige mich bei einer Dame, ob hier die Besuchsfahrten in den Braunkohletagebau angeboten werden. Sie bejaht freudestrahlend. Ob das was koste, frage ich. Nein, selbstverständlich nicht, nur Zeit, sagt sie augenzwinkernd. Wie viel? Etwa anderhalb Stunden. Wann der nächste Bus fahre? Dieser hier habe noch Platz. Also steige ich ein und nur wenige Minuten später geht es auch schon los.

 

Kurz hinter dem Ort geht es von der Straße ab hinein in das Werksgelände, zunächst durch rekultiviertes Gebiet: vorbei am Verladebahnhof, wo die betriebseigenen Züge mit jeweils 14 Waggons vollautomatisch innerhalb von 15 Minuten beladen werden, wie uns unser Führer - der nicht so genannt werden möchte - erläutert. Rhetorisch geschult und hin und wieder ein paar Scherze einstreuend, erzählt er fast ununterbrochen. Er erzählt etwa von der RWE-eigenen Eisenbahn, der so genannten Nord-Süd-Bahn, die die Kohle zu den Kraftwerken befördere, sofern sie nicht direkt von den Förderbändern bedient werden können. Auf den Waggons stehe noch "Rheinbraun", obwohl die Konzerntochter mittlerweile "RWE Power" heiße. Der alte Name habe sich aber in der Bevölkerung gehalten. Die Züge besäßen die 4-fache Achslast derjenigen der Deutsche Bahn und seien zudem, so unser RWE-Mitarbeiter, pünktlicher als diese. Er berichtet von den Rehen, die sich in den neu entstandenen Wäldern wieder ausbreiten würden, weshalb es ja auch - Obacht - "Reh-Kultivierung" heiße. Er berichtet von der Betriebsfeuerwehr, an deren Gebäude wir vorbei kommen und die sehr gut ausgebildet sei, aber eigentlich fast nie etwas zu tun habe.

 

Der fast voll besetzte Bus fährt auf einer schnurgeraden Strecke, rechts und links jeweils ein Förderband. Nach einiger Zeit geht es um 90 Grad nach rechts, unter zwei Brücken hindurch, immer begleitet von den Förderbändern. Links oberhalb von uns, außerhalb der Grube auf rekultivierter Fläche, sehen wir moderne Windräder, 27 Stück, wie uns erklärt wird. Unser Reiseleiter sagt, die Genehmigung dafür sei überraschend schnell einzuholen gewesen. Normalerweise hätte RWE in den vergangenen Jahren die Erfahrung gemacht, dass die Menschen in Deutschland zwar allerorten für die Energiewende seien, doch leider nicht in ihrem eigenen Vorgarten. Hier jedoch gäbe es keine Anlieger, die sich dagegen wehren könnten - der "Vorgarten" gehöre schließlich einzig und alleine dem Konzern.

 

Der Bus fährt schließlich die schiefe Ebene hinunter, die ich bereits vom Skywalk aus gesehen habe. Unten erreichen wir den so genannten Bandsammelpunkt, wo alle Bänder zusammenlaufen. Es handelt sich um eine Art Verschiebe-bahnhof, von wo aus das Material neu verteilt wird: Die Braunkohle läuft entweder zum Zugverladebahnhof oder zu den Kohlebunkern, den riesigen Vorratskammern, wo ein Teil der Kohle für Ausfallzeiten zwischengelagert wird, oder direkt zu den nahen Kraftwerken. Dagegen wird der Abraum, also das sandige und kiesige Material, das über und zwischen den Kohleflözen liegt und mit weggebaggert werden muss, zu den so genannten Absetzern transportiert, die es dort wieder einbringen, wo die Kohle bereits abgebaut ist. Die Absetzer sind dabei das Gegenstück zu den Braunkohlebaggern: Die einen bauen auf der so genannten Gewinnungsseite des Tagebaus ab und die anderen auf der so genannten Verkippungsseite wieder ein - jedenfalls das, was nicht in den Kraftwerken verfeuert wird. Im Übrigen sollte man, wie uns unser Reiseführer ermahnt, das Bedienpersonal dieser Gerätschaften niemals "Baggerfahrer" nennen, sondern immer "Großgerätefahrer" bzw. "Großgerätefahrerin" - letztere gebe es nämlich mittlerweile auch schon. Großgerätefahrerin oder Großgerätefahrer werde man nach einer entsprechenden sechsmonatigen Ausbildung, an deren Ende man die Führerscheinprüfung für die mehrere hundert Millionen Euro teuren Geräte erfolgreich bestehen müsse.

 

Vom Bandsammelpunkt geht es nun auf staubiger, aber ebener und schnurgerader Piste fünf Kilometer weit in die Grube hinein, immer parallel zu einem langen Förderband, das mit einer Geschwindigkeit von 27 km/h permanent Material in die Richtung schafft, aus der wir kommen. Mehrmals kommen uns Jeeps oder größere Gerätschaften entgegen, denen wir ausweichen müssen. Wir gehen dabei das Risiko ein, uns festzufahren, was unseren Vorgängern heute Morgen wohl passiert sei.

 

An den Rändern der Grube erkennt man die horizontal verlaufenden schwarzen Braunkohleflöze, die sich deutlich von dem übrigen helleren Material darüber und darunter unterscheiden. Schließlich halten wir neben dem gigantischen Bagger 288. Er hat Ähnlichkeit mit einem Brontosaurus und ist das größte Landfahrzeug dieses Planeten, größer noch als jene, die die NASA in Cape Canaveral bewegt, um ihre Raketen an den Startplatz zu fahren. Der Bagger steht auf riesigen Kettenrädern, mit deren Hilfe er mit einer Höchstgeschwindigkeit von 8 km/h vorwärts kommen kann. Bagger 288 ist mit seinen beiden Armen ganze 220 m lang und 96 m hoch - ein Fußballstadion würde er damit in Länge und Höhe deutlich überragen. Am vorderen Arm, an dem auch die Bedienkanzel hängt, dreht sich der Baggerkopf, ein Rad von 21.60 m Durchmesser, an dem die 18 Schaufeln sitzen, die jede ein Volumen von 6,6 m³ besitzen. Sie werfen das abgebaute Material auf ein Band, das es nach hinten befördert, über den hinteren Arm des Baggers wieder ein Stück nach oben, von dessen Ende es dann auf das die gesamte Grube durchlaufende lange Förderband fällt, dem wir gefolgt sind. Der Bau von Bagger 288 dauerte ganze fünf Jahre. Er wiegt 13.500 Tonnen und hat eine Förderleistung von 240.000 Tonnen pro Tag, womit man 2.400 Eisenbahnwaggons befüllen könnte. Im Jahr 2001 machte er Schlagzeilen, als er über eine Strecke von 22 Kilometern vom Tagebau Hambach nach Garzweiler befördert wurde, was RWE zwar 8 Millionen Euro kostete, aber natürlich viel günstiger war, als ein neues Gerät zu bauen.

 

Unser Bus fährt noch bis zum Wendeplatz am nördlichen Ende der Grube, von wo wir wieder umkehren. Oberhalb dieser Stelle muss ich heute Morgen gestanden haben, als ich die beiden anderen Busse beobachtete. Möglicherweise war einer von ihnen vielleicht sogar derjenige, in dem ich jetzt sitze.

 

Renaturierung und Umsiedlung

Wir fahren zurück zum Bandsammelpunkt und die schräge Ebene mit den Förderbändern wieder nach oben, hinaus aus der Grube. Auf dem Rückweg zu unserem Startpunkt bewegen wir uns diesmal über rekultiviertes Gelände - Ackerflächen, auf denen RWE sieben Jahre lang Pionierpflanzen anbaut, bis der wieder aufgefüllte Oberboden so viele Nährstoffe angereichert hat, um ihn per Flächentausch denjenigen Landwirten übergeben zu können, die durch den Tagebau ihr altes Land verloren haben.

 

In der Ferne sieht man nicht nur wieder die Kraftwerke, sondern auch mehrere zu Bergen angehäufte Abraumhalden. Die größte von ihnen, die Sophienhöhe, Richtung Südwesten deutlich zu sehen, ist mehrere Kilometer lang und breit und über 300 m hoch, was für rheinische Verhältnisse fast schon ein kleines Mittelgebirge darstellt. Die Sophienhöhe ist heute weitgehend bewaldet und durchzogen von einem Wanderwegenetz von 70 Kilometern Länge. RWE habe sogar einen extra Wanderführer für sie herausgebracht, wie wir erfahren.

 

Wenig später überqueren wir das neue, noch nicht dem Verkehr übergebene ca. zehn Kilometer lange Teilstück der Autobahn A 44. Die alte Trasse hatte vor Jahren dem Tagebau weichen müssen. In wenigen Jahren wird es auch ebenjenes Teilstück der A 61 treffen, über das ich heute Morgen noch gefahren bin. Auch für sie wird dann wiederum Jahre später eine neue Trasse gebaut werden. Autobahnrück- und -neubau auf Kosten eines Energiekonzerns - wo gibt es das sonst noch?

 

Wir fahren weiter durch den Weiler Hohenholz, eine Ansammlung von mehreren landwirtschaftlichen Betrieben, alle etwa 30 Jahre alt. Sie sind hier neu entstanden, nachdem den alten Dörfern - Garzweiler, Belmen, Morken-Harff oder Königshoven - im wahrsten Sinne des Wortes der Boden unter den Füßen weggebaggert wurde. Genau einen Kilometer weiter kommen wir in das neue Königshoven. Der Abstand sei gesetzlich vorgeschrieben, wegen der Geruchsbelästigung durch landwirtschaftliche Betriebe.

 

Das neue Königshoven ist gepflegt, viele schöne Einfamilienhäuser, meist in dunkler Backstein-Optik, einige Geschäfte, Schule, Sporthalle, Gemeindezentrum, insgesamt 3.800 Einwohner. Nur der alte Ortskern fehlt, den gab es hier nämlich nie. Dem Konzern sei bewusst, so unser Reiseleiter, dass die Umsiedlung der schmerzhafteste Eingriff für die Anwohner sei. Sie erhielten für ihre alten Anwesen eine Entschädigung, könnten fortziehen oder in der Gegend bleiben und neu bauen. Den alten Dorfgemeinschaften werde dabei frei gestellt, sich in neuen Siedlungen wieder zusammenzuschließen, oder in andere, bereits vorhandene nahe Orte zu ziehen. Teilweise sei es sogar möglich, die alte Adresse zu behalten, obwohl man nun ein paar Kilometer entfernt wohne: dieselbe Postleitzahl, derselbe Ortsname, dieselbe Straße, dieselbe Hausnummer. Nichts ist unmöglich. Trotzdem ist die alte Heimat natürlich verloren, die alten Kulturdenkmäler, die alten Häuser, die alte schmale Ortsdurchfahrt, die Erinnerungen. Einen 1:1-Wiederaufbau gebe es natürlich nicht und er sei auch nicht gewollt. Auch gebe es keine Muster-Dörfer vom Typ RWE, sondern jedes sei individuell nach den Wünschen der Bewohner gestaltet. RWE möchte schließlich das Konfliktpotential möglichst klein halten.

 

Gedanken

Es ist schon pervers, denke ich: Der Mensch wühlt hier mit riesigem Aufwand ganze Landstriche auf, er wühlt sich gewissermaßen durch sie hindurch. Er reißt sie auf, vernichtet alles Gewachsene, alles Entstandene, alles Vorhandene, holt die Kohle, die vor Jahrmillionen aus abgestorbenen Pflanzen entstanden ist, heraus, verbrennt sie, um daraus Energie zu gewinnen, nur um hernach wieder neue Landschaft zu schaffen, neue landwirtschaftliche Flächen, neue Hügel, Wälder, Naherholungsgebiete, neue Dörfer, Autobahnen, neue Infrastruktur. Die Landschaft ist hinterher eine völlig andere, gewissermaßen eine Landschaft ohne Geschichte, zumindest keiner üblichen, auch wenn man das auf den ersten Blick nicht sieht. Die Rekultivierung ist sicher vorbildlich, aber ob das Ganze den Nutzen rechtfertigt, ist fraglich. Der Nutzen für den Energiekonzern RWE ist sicher gegeben, schließlich hat er Jahrzehnte lang gutes Geld damit verdient, trotz der Milliarden-Investitionen, die dafür notwendig waren.

 

Doch die Landschaft wird noch viele Jahre vernarbt sein, die Seen, die in den Restlöchern entstehen sollen, sind erst im Jahr 2060 oder noch später vollständig gefüllt. Auch in den Menschen, die ihre Heimat verloren haben, wird es Narben hinterlassen. Die Förderlizenzen im rheinischen Braunkohle-revier reichen noch bis zum Jahr 2045. Die Braunkohle-vorräte, die im Rheinland lagern, reichen bei der gegenwärtigen Abbaugeschwindigkeit theoretisch sogar noch mehr als 500 Jahre. Mit einem Energienotstand wäre also vorerst nicht zu rechnen. Jedenfalls dann nicht, wenn es nicht das Thema Klimawandel und CO2-Ausstoß gäbe.

 

Ich wusste vorher, was mich bei meinem Besuch hier erwarten würde, jedenfalls habe ich es geahnt. Und doch ist das Gefühl anders, zwiespältig. Die Mitarbeiter scheinen überzeugt zu sein von dem, was sie tun. RWE handelt, sofern ich das als Laie beurteilen kann, professionell, vorbildlich, durchdacht. Der Konzern versucht, den Widerstand gar nicht erst aufkommen zu lassen. Einerseits.

 

Andererseits ist die Vorgehensweise unglaublich brutal, zumindest in den Augen von jemandem, der die Natur, der unseren Planeten liebt. Der möchte, dass wir diesen Planeten schonen, ihn bewahren und noch viele Jahrhunderte gut mit und von ihm leben.

 

Gegen den Braunkohletagebau sprechen aber nicht nur die unmittelbaren Auswirkungen auf die Region, die ja - Stichwort Arbeitsplätze und Energie - nicht nur negativ sind. Gegen ihn sprechen in erster Linie die Auswirkungen der Kohleverstromung auf das Klima, auf den Anstieg des Kohlendioxids in der Atmosphäre, die zur Erderwärmung führt und die bekannten dramatischen globalen Folgen haben wird. Braunkohle ist nun einmal die schmutzigste Energieform, die es gibt, trotz aller moderner Technik und effizienter Kraftwerke.

 

Die Idee, diese Technologie weiter betreiben zu können, wenn man denn nur das Kohlendioxid mittel "Abscheidung" einfangen und irgendwo verwerten oder entsorgen könnte, ist utopisch, dafür sind die Mengen einfach viel zu groß. Aus den vier Kraftwerken von RWE entweichen jährlich fast 100 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre, das entspricht ganzen elf (!) Prozent des jährlichen Kohlen-dioxidausstoßes der gesamten Bundesrepublik - wohlgemerkt nicht nur desjenigen für die Stromerzeugung, sondern auch desjenigen für die Wärmeerzeugung, für den Verkehr und für sämtliche industriellen Anwendungen. Das heißt, die Einstellung des Braunkohletagebaus und die Abschaltung nur dieser vier Kraftwerke würde auf einen Schlag den Kohlendioxid-Ausstoß des Landes um elf Prozent senken. Für den Braunkohletagebau in Ostdeutschland kämen noch einmal etwa 70 Millionen Tonnen oder acht Prozent hinzu. Die Klimaschutzziele der Bundesregierung (65 Prozent gegenüber 1990 bis 2030) wären also mit einem Ausstieg aus der Braunkohle problemlos zu schaffen - ohne Ausstieg dagegen keinesfalls.

 

Alleine das sollte uns Argument genug sein, RWE gegebenenfalls zu entschädigen und aus der Braunkohle auszusteigen. Der Strom müsste dann nur woanders her beschafft werden, der Ausbau der erneuerbaren Energien beschleunigt werden. Hätte man die (vergleichsweise sicheren deutschen) Atomkraftwerke nur noch ein paar wenige Jahre länger betrieben und wäre stattdessen genauso überstürzt aus der Braunkohle ausgestiegen, wäre das für das Klima deutlich vorteilhafter gewesen. Aber das war ja politisch nicht gewollt.

 

Nach all den menschengemachten Verwüstungen, die ich an diesem Tag gesehen habe, musste ich mir noch ein Kontrastprogramm geben. Ich fuhr nach Aachen und habe den dortigen Dom besichtigt - das erste Weltkulturerbe Deutschlands überhaupt. Ein unglaublich grandioses, wundervolles Gebäude mit einer einzigartigen Geschichte - und ebenfalls menschengemacht. Wir Menschen sind schließlich zu (fast) allem fähig - im Guten wie im Schlechten.

 

Auf dem Rückweg nach Hause fahre ich noch am Kraftwerk Weisweiler vorbei und mache noch einen kurzen Abstecher zum Aussichtspunkt am Tagebau Inden, der etwa genauso groß ist wie der von Garzweiler. Am Horizont qualmen die vier Kraftwerke. Ich frage mich, was wohl ein Belgier oder Holländer über Deutschland denkt, wenn er über die nahe Grenze kommt und diese rauchenden Ungetüme sieht. Kann er wirklich glauben, dass dieses Land ein vorbildlicher Klimaschützer ist oder zumindest sein möchte? Vielleicht sollten wir ihn einfach fragen.

OH Mrz/2023

Braunkohletagebau Garzweiler (Foto: OH)


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